Wir halten die Zukunft in unserer Hand

Am Wochenende gehe ich gern im Wald spazieren, ich mag das: Blattknistern, Windwispern und vielleicht ein paar Vögel – oder Hunde mit ihren Besitzern… Ich schaue mich um und denke: schön!
Dann gehe ich nach Hause, lese Zeitung – und mir zeigt sich so ziemlich das Gegenteil. Das Leid hat die erste Seite gepachtet: Krisen über Krisen, Zerstörung, Krieg, Terror, Naturkatastrophen… Und wenn nicht das, dann Fußball oder irgendwelche Promi-Belanglosigkeiten. Na toll. Ich schaue mich um und denke: betrifft mich das?
Ja, leider trifft mich das – früher oder später. Denn in unserer globalisierten globalen Welt sind auch die Probleme größenwahnsinnig geworden und wollen die ganze Welt beherrschen.
In den weltumspannenden Ozeanen unserer Erde schwimmen immer weniger Fische, dafür kann man wunderbar bunte Plastikstrudel in ihrem neuen Lebensraum, dem Pazifik, beobachten. Die Flüsse haben wir an die Leine gelegt. Frei durch die Gegend mäandrieren können sie nur noch selten, stattdessen quetschen sie sich müde zwischen Mauern durch die Städte. Wir füttern sie mit aus den Feldern gewaschenem Düngerwasser und Medikamentenrückständen, die unsere Klärwerke nicht aus dem Wasser filtern können. Und dann wundern wir uns, dass das, was übrig bleibt, nicht viel mit dem klaren lebendigen Gewässer aus den Kinderbüchern gemein hat.
Auch den Boden, auf dem wir gehen, fesseln wir und begraben ihn unter Beton, das lässt sich leichter sauber halten und ist einfach viel ordentlicher und praktischer. Wir durchlöchern ihn, sprengen sein Innerstes nach Außen, um ihm seine Schätze zu rauben. Wir impfen ihn mit unserem Atommüll. Aber ob ihn das wirklich gegen uns Menschen immunisiert? Fraglich…
Und was ist mit den Pflanzen, für die er Lebensgrundlage ist? Der Wald durch den ich gehe ist voll mit ihnen – frisches Grün mit ein paar bunten Tupfern. Doch der Schein trügt: Einige Arten sind auf Transportern und Frachtschiffen als blinder Passagier mitgereist und haben in der Zwischenzeit viele neue Zuhause gefunden. Dort drängen sie die Vormieter ins Hinterzimmer, wo diese nun nur noch vor sich hin vegetieren. Da scheint die Welt einmal noch in Ordnung zu sein und dann bleibt die Freude über die blühende Pracht wieder nicht ungetrübt, denn die gehört hier gar nicht hin. Dabei sollte man eigentlich für jedes Stück Vegetation in freier Wildbahn dankbar sein. Denn wahre Wildnis wird immer seltener, lange versuchen wir sie schließlich schon zu zähmen. Wo sie sich hartnäckig widersetzt, wie im undurchdringlichen Regenwald, da müssen wir eben zu härteren Methoden greifen, um uns durchzusetzen. Notfalls haben wir ja noch ein paar botanische Gärten, um uns nachher das anzusehen, was wir zerstört haben. Die Zoos der Pflanzenwelt… und die überlebenden, in den zerstörten Lebensräumen ehemals heimischen Tierarten können gleich in den „normalen“ Zoo nebenan übergesiedelt werden.
Zumindest unserer Spezies Homo Sapiens könnte all das ja egal sein, Luft und Liebe reichen ja zum Leben. Doch selbst das wird knapp, zumindest in einer lebenserhaltenden Qualität. Denn die Schornsteine und Auspuffrohre unserer Zivilisation haben noch lange nicht alle einen Filter der funktioniert. Kein Wunder, dass zwei Kanadier auf die Idee kamen frische Luft in Flaschen abzufüllen und zu verkaufen. Das Geschäftsmodell der Zukunft? Die meisten Kunden des Unternehmens VitalityAir leben verständlicherweise in China. Wenn mein Vater von Geschäftsreisen von dort zurückkommt, hat er oft Halsschmerzen und Lungenprobleme und das nach nur zwei Wochen. Doch was ist mit den Menschen, die dauerhaft dort leben? – unter dem von Smogglocken gedeckelten Himmel, wo der freie Blick auf die Sonne nur noch eine Erinnerung ist. Kann man auch nur von Liebe leben, wenn die Luft fehlt?
Das mit der Liebe ist allerdings auch so eine Sache. Wo man sich auch umschaut, Liebe ist nicht das Motiv des Bildes, das man vor sich sieht. Ob eindeutig bei den viel zu häufigen Demos mit Hassparolen gegen Flüchtlinge und in den Bildern aus den Kriegsschauplätzen, die leider zu jeder Jahreszeit in den Nachrichten Saison haben. Oder subtil versteckt hinter einem „made in Bangladesh“ auf einem Kleidungsetikett, hinter dem sich oft genug der lange Arbeitstag eines Kindes oder eines jungen Menschen wie uns verbirgt. Das Gegenteil von Liebe, verborgen auf dem Preisschild mit dem sagenhaft niedrigen Betrag, das an unserer Banane hängt. Ein Preis, der nur durch Ausbeutung von Land und Menschen möglich ist. Den vollen Preis zahlen wir alle auf Umwegen.
Eigentlich will ich gar nicht über all das nachdenken. Warum passiert das alles? Gedankenlosigkeit? Egal-Mentalität? Aufschieben, denn bis das alles uns wirklich erreicht, leben wir eh nicht mehr? Warum? Und – wie können wir es nur aufhalten? Ich kann gar nicht darüber nachdenken, ohne zu verzweifeln. Hilfe! Tut doch was! Irgendjemand! Ihr Reichen, Mächtigen, tut was! Der Politiker, die Ministerin, die ich gewählt habe, die sollen was ändern! Die da oben müssen doch was tun! Denn das alles ist viel zu groß für das gemeine Volk.
Tja. Und genau da liegt der Fehler. Die da oben, die Reichen, die Mächtigen, die Politiker… das sind auch nur Menschen. Vielleicht verzweifeln sie genau wie ich vor diesem Berg an Problemen. Vielleicht haben sie aber auch andere Pläne. Vielleicht sind Macht und Geld manchmal scheinbar wichtiger als die Zukunft. Deswegen müssen zuallererst das „du“, das „ihr“ und das „sie“ weg. Ich muss anfangen. Keine Einmalplastiktüten verwenden, sondern wiederverwendbare Behälter, biologisch abbaubares Shampoo benutzen, Unordnung im eigenen Garten tolerieren, der Natur zumindest eine Ecke überlassen, das Fahrrad oder den Bus nehmen und das Auto stehen lassen, Gemüse selbst anbauen oder welches aus der Gegend kaufen, statt es vom anderen Ende der Welt einfliegen zu lassen, sich für eine teurere, aber dafür faire Hose entscheiden, statt für 10 billige, Hände reichen und Menschen umarmen. Ich kann etwas tun. Ich.
Doch 1 Jahr später offenbart der Blick auf die erste Zeitungsseite immer noch das gleiche Bild. Es hat sich nichts geändert. Meine Bemühungen bewirken in etwa so viel, wie wenn man versucht mit einem Zahnstocher den Garten umzugraben. Nichts. Sie sind nur ein Tropfen auf dem viel zu heißen Stein. Ein Tropfen, der sogleich verdampft und in der versmogten Luft verschwindet. Und ich könnte schon wieder verzweifeln, aufgeben. Da ist doch eh nichts zu retten.
Bis ich aufsehe und mich umschaue. Ich sehe Menschen. Menschen, die sich bemühen, die nachdenken und handeln. Ich bin nicht allein. Ich bin ein Teil der Weltgemeinschaft. Ich kann die Probleme nicht lösen. Aber wir können es. Ich bin vielleicht ein Tropfen. Aber gemeinsam mit Ihnen in diesem Raum (auf dieser Veranstaltung), sind wir schon ein Rinnsal. Wenn wir diese ganze Stadt dazu nehmen, sind wir ein Fluss. Wir alle, die Menschheit, wir sind ein Meer, das den heißen Stein abkühlen lässt und ihn rund schleift. Wir können etwas tun. Wir.
Damit auch meine Enkel und die Enkel derer, die in den verschiedenen Ecken der Erde leben, noch durch einen Wald spazieren können. Blattknistern, Windwispern hören können, und vielleicht die Vögel. Damit sie sich danach umschauen können und sich denken können: Wunderschön!
Wenn wir zusammenarbeiten ist das möglich – wenn. All diese Probleme sind immer noch wie ein hoher Berg mit steilen Schluchten und gefährlichen Graten. Doch es ist möglich auf diesen Berg zu steigen, wenn wir uns gegenseitig helfen. Die Aussicht dort oben wunderbar. Also reichen wir uns die Hände und machen uns auf den Weg! Wir fangen an, nicht nächstes Jahr, nicht später, nicht morgen, sondern sofort.
Wir packen es an, mit Herz und Verstand. Wir haben die Zukunft in unserer Hand!

Diesen Text werde ich heute Abend auf der Luther Dekade in Nürnberg vortragen, er ist das Ergebnis eines Poetry Slam Workshops, den ich im November besucht habe. Ich bin eigentlich ein sehr positiv eingestellter Mensch, aber manchmal ist es sehr schwer, positiv zu bleiben. Geht es euch auch so? Im Text habe ich es dann zumindest geschafft hoffnungsvoll auszuklingen – denn Trübsal blasen hilft auch nicht weiter.

Tonight I will perform this text at an event of the Luther Decade in Nuremberg. It is the result of a poetry slam workshop I participated in in November (that explains the length ;) ). Actually, I am a very positive person, but sometimes, when you look at the world, it is really hard to stay like that. Do you feel the same? In my text, I at least managed to end on a hopeful note – moping doesn’t help anyone after all.

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